Von den Eigenschaften der Dinge zum Wesen der Malerei

Rezension von Gisela Elbracht-Iglhaut, stellvertretende Direktorin, Kunstmuseum Solingen, September 2013

Susanne Müller-Kölmel beobachtet und erforscht ihre direkte Umgebung und häusliche Lebenswelt mit Pinsel und Farbe. Sie stellt banale Alltagsgegenstände dar, analysiert ihre Oberfläche, Form und Kolorierung, setzt sich mit Strukturen und Ornamenten der Objekte auseinander und übersetzt das Wesen der Dinge in die Sprache der Malerei. Bombastisch feine Sahnetörtchen, prächtig appetitliche Pralinés, exotische Stoffpuppen, grazile halbtransparente Schmuckbeutel oder bekannte Ikonen unserer Kindheit, wie das Papierfaltspiel „Himmel und Hölle“, werden zu Hauptprotagonisten der Bildfläche. Isoliert und losgelöst von ihrem funktionalen Kontext stehen sie singulär im Mittelpunkt der Leinwand. Die Bildwelten erinnern ebenso an faszinierende Wunderkammern und phantastische Kuriositätenkabinette wie an Nippes und Kitsch. Triviales wirkt erhaben und bedeutend, Gewöhnliches erscheint gehaltvoll und ausdrucksstark. Susanne Müller-Kölmel fokussiert den Blick auf das Motiv, umkreist es und zeigt es aus unterschiedlichsten Perspektiven in stilistisch bezaubernden Bildserien. Die Malerin tritt dabei in einen kontinuierlichen Dialog mit den Werken. Sie agiert und reagiert auf das Entstandene. Ihre Sicht auf das Sujet wandelt sich dynamisch und ist in ständiger Bewegung. Die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand ist ein suchender Prozess, der sichtbar wird. Der Blick auf das Objekt wird verändert wie bei einer Kamerafahrt: Zoom-in und Zoom-out, Blow-Up, Nahsicht und Distanz, Detail, Ausschnitt und Ganzes, alle Aspekte der Dinge werden auf diese Art ergründet. Die Untersuchung der äußeren Hülle führt zum Kern der Materie.

Unterschiedlichste Techniken wie Öl, Acryl, Eitempera oder Lack kommen zum Einsatz. Neben der Leinwand dienen auch Wellpappen, Schrankfurniere oder Aluminium als Malgrund. Experiment und Vielfalt sind die entscheidenden Antriebskräfte bei der Bildfindung. Es entsteht eine Vielzahl von Skizzen und Zeichnungen. Licht und Schatten, Rhythmus und Wiederholung, Textur und Tiefe bestimmen die Kompositionen. Fotos dienen zur Inspiration, aber auch als Vorlagen, die übermalt und bearbeitet werden. Eigene Fotografien finden Verwendung und sind integraler Bestandteil der Malerei. Private Kinderfotos, die Susanne Müller-Kölmel und ihre Zwillingsschwester zeigen, bilden einen ornamentalen Bildhintergrund mit dekorativem Tapetencharakter. Persönliches wird durch die regelmäßige Ordnung relativiert. Familiäres erscheint wie ein namenloses serielles Muster und steht dennoch als Allegorie der emotionalen Erinnerung. Die Ambivalenz von autobiografischer Intimität und sachlicher Anonymität schafft spürbare Spannung.

Susanne Müller-Kölmel ist eine unermüdlich fleißige Malerin und Zeichnerin, die täglich arbeitet. Sie denkt und fühlt in Bildern und teilt sich über dieses Medium mit. Kunst und Leben sind in ihrem Werk eine untrennbare Einheit. Seit Januar 2010 gestaltet sie jedes Jahr ein 365-teiliges Leporello, das jeden Tag des Jahres zeichnerisch festhält. Persönliche Erlebnisse aber auch gesellschaftliche Ereignisse und alltägliche Begebenheiten und Impressionen werden so aufgereiht und zu einem 438 cm langen, gefalteten Papierstreifen zusammengefasst. Das „Memorial Projekt“ soll bis zum Jahr 2020 fortgesetzt werden. Zusammengefügt entsteht so in zehn Jahren eine Strecke von beinahe 45 Metern, die tagebuchähnlich ein Jahrzehnt festhält und eine persönliche Zeitspanne im Leben der Künstlerin dokumentiert.
Einzelne Elemente der entstehenden Skizzen und Aufzeichnungen finden sich in den Bildserien wieder und werden fahndend von allen Seiten durchleuchtet. Körper und Stofflichkeit dienen der Künstlerin nur als Anlass für das Hauptthema ihres Werkes: Die Malerei an sich mit ihren fundamentalen Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten, ihren Entfaltungsmöglichkeiten und Freiheiten. Figuration und Abstraktion, spontaner Pinselschwung und detaillierte Studie, pastoser Farbauftrag und zarte Lasurtechnik ergänzen sich kongenial zu grandiosen Bildwelten. Die farbintensiven Muster, die mit ihren unzähligen Formwiederholungen an textile Rapporte erinnern, fungieren als Bildhintergrund und bieten den Gegenständen eine abstrakte Bühne, die zudem Zeitgeist vermittelt. Vielheit und Einheit, Gleichheit und Besonderheit, Davor und Dahinter, mathematische Simplizität und sinnliche Virtuosität treten in einen spannenden Austausch.

Das Paradox ist Prinzip: Die detaillierte Erforschung und konkrete Darstellung konventioneller Wirklichkeiten überwindet die Realität der Dinge und weist über sie hinaus. Susanne Müller-Kölmels Bildkosmos ist unerschöpflich und grenzenlos, ästhetisch und anregend in der Vielfalt von Form und Farbe. Die dialektischen Überlegungen und grundlegenden Aussagen verleihen dem Wesen der Malerei mit jedem Pinselstrich lebendige Präsenz.

Gisela Elbracht-Iglhaut
Stellvertretende Direktorin
Kunstmuseum Solingen