{"id":199,"date":"2015-01-30T12:35:04","date_gmt":"2015-01-30T10:35:04","guid":{"rendered":"http:\/\/smk-art.de\/art\/?p=199"},"modified":"2015-09-23T10:41:43","modified_gmt":"2015-09-23T08:41:43","slug":"von-den-eigenschaften-der-dinge-zum-wesen-der-malerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/smk-art.de\/art\/von-den-eigenschaften-der-dinge-zum-wesen-der-malerei\/","title":{"rendered":"Von den Eigenschaften der Dinge zum Wesen der Malerei"},"content":{"rendered":"<h3>Rezension von Gisela Elbracht-Iglhaut, stellvertretende Direktorin, Kunstmuseum Solingen, September 2013<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Susanne M\u00fcller-K\u00f6lmel beobachtet und erforscht ihre direkte Umgebung und h\u00e4usliche Lebenswelt mit Pinsel und Farbe. Sie stellt banale Alltagsgegenst\u00e4nde dar, analysiert ihre Oberfl\u00e4che, Form und Kolorierung, setzt sich mit Strukturen und Ornamenten der Objekte auseinander und \u00fcbersetzt das Wesen der Dinge in die Sprache der Malerei. Bombastisch feine Sahnet\u00f6rtchen, pr\u00e4chtig appetitliche Pralin\u00e9s, exotische Stoffpuppen, grazile halbtransparente Schmuckbeutel oder bekannte Ikonen unserer Kindheit, wie das Papierfaltspiel \u201eHimmel und H\u00f6lle\u201c, werden zu Hauptprotagonisten der Bildfl\u00e4che. Isoliert und losgel\u00f6st von ihrem funktionalen Kontext stehen sie singul\u00e4r im Mittelpunkt der Leinwand. Die Bildwelten erinnern ebenso an faszinierende Wunderkammern und phantastische Kuriosit\u00e4tenkabinette wie an Nippes und Kitsch. Triviales wirkt erhaben und bedeutend, Gew\u00f6hnliches erscheint gehaltvoll und ausdrucksstark. Susanne M\u00fcller-K\u00f6lmel fokussiert den Blick auf das Motiv, umkreist es und zeigt es aus unterschiedlichsten Perspektiven in stilistisch bezaubernden Bildserien. Die Malerin tritt dabei in einen kontinuierlichen Dialog mit den Werken. Sie agiert und reagiert auf das Entstandene. Ihre Sicht auf das Sujet wandelt sich dynamisch und ist in st\u00e4ndiger Bewegung. Die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand ist ein suchender Prozess, der sichtbar wird. Der Blick auf das Objekt wird ver\u00e4ndert wie bei einer Kamerafahrt: Zoom-in und Zoom-out, Blow-Up, Nahsicht und Distanz, Detail, Ausschnitt und Ganzes, alle Aspekte der Dinge werden auf diese Art ergr\u00fcndet. Die Untersuchung der \u00e4u\u00dferen H\u00fclle f\u00fchrt zum Kern der Materie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterschiedlichste Techniken wie \u00d6l, Acryl, Eitempera oder Lack kommen zum Einsatz. Neben der Leinwand dienen auch Wellpappen, Schrankfurniere oder Aluminium als Malgrund. Experiment und Vielfalt sind die entscheidenden Antriebskr\u00e4fte bei der Bildfindung. Es entsteht eine Vielzahl von Skizzen und Zeichnungen. Licht und Schatten, Rhythmus und Wiederholung, Textur und Tiefe bestimmen die Kompositionen. Fotos dienen zur Inspiration, aber auch als Vorlagen, die \u00fcbermalt und bearbeitet werden. Eigene Fotografien finden Verwendung und sind integraler Bestandteil der Malerei. Private Kinderfotos, die Susanne M\u00fcller-K\u00f6lmel und ihre Zwillingsschwester zeigen, bilden einen ornamentalen Bildhintergrund mit dekorativem Tapetencharakter. Pers\u00f6nliches wird durch die regelm\u00e4\u00dfige Ordnung relativiert. Famili\u00e4res erscheint wie ein namenloses serielles Muster und steht dennoch als Allegorie der emotionalen Erinnerung. Die Ambivalenz von autobiografischer Intimit\u00e4t und sachlicher Anonymit\u00e4t schafft sp\u00fcrbare Spannung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Susanne M\u00fcller-K\u00f6lmel ist eine unerm\u00fcdlich flei\u00dfige Malerin und Zeichnerin, die t\u00e4glich arbeitet. Sie denkt und f\u00fchlt in Bildern und teilt sich \u00fcber dieses Medium mit. Kunst und Leben sind in ihrem Werk eine untrennbare Einheit. Seit Januar 2010 gestaltet sie jedes Jahr ein 365-teiliges Leporello, das jeden Tag des Jahres zeichnerisch festh\u00e4lt. Pers\u00f6nliche Erlebnisse aber auch gesellschaftliche Ereignisse und allt\u00e4gliche Begebenheiten und Impressionen werden so aufgereiht und zu einem 438 cm langen, gefalteten Papierstreifen zusammengefasst. Das \u201eMemorial Projekt\u201c soll bis zum Jahr 2020 fortgesetzt werden. Zusammengef\u00fcgt entsteht so in zehn Jahren eine Strecke von beinahe 45 Metern, die tagebuch\u00e4hnlich ein Jahrzehnt festh\u00e4lt und eine pers\u00f6nliche Zeitspanne im Leben der K\u00fcnstlerin dokumentiert.<br \/>\nEinzelne Elemente der entstehenden Skizzen und Aufzeichnungen finden sich in den Bildserien wieder und werden fahndend von allen Seiten durchleuchtet. K\u00f6rper und Stofflichkeit dienen der K\u00fcnstlerin nur als Anlass f\u00fcr das Hauptthema ihres Werkes: Die Malerei an sich mit ihren fundamentalen Prinzipien und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, ihren Entfaltungsm\u00f6glichkeiten und Freiheiten. Figuration und Abstraktion, spontaner Pinselschwung und detaillierte Studie, pastoser Farbauftrag und zarte Lasurtechnik erg\u00e4nzen sich kongenial zu grandiosen Bildwelten. Die farbintensiven Muster, die mit ihren unz\u00e4hligen Formwiederholungen an textile Rapporte erinnern, fungieren als Bildhintergrund und bieten den Gegenst\u00e4nden eine abstrakte B\u00fchne, die zudem Zeitgeist vermittelt. Vielheit und Einheit, Gleichheit und Besonderheit, Davor und Dahinter, mathematische Simplizit\u00e4t und sinnliche Virtuosit\u00e4t treten in einen spannenden Austausch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Paradox ist Prinzip: Die detaillierte Erforschung und konkrete Darstellung konventioneller Wirklichkeiten \u00fcberwindet die Realit\u00e4t der Dinge und weist \u00fcber sie hinaus. Susanne M\u00fcller-K\u00f6lmels Bildkosmos ist unersch\u00f6pflich und grenzenlos, \u00e4sthetisch und anregend in der Vielfalt von Form und Farbe. Die dialektischen \u00dcberlegungen und grundlegenden Aussagen verleihen dem Wesen der Malerei mit jedem Pinselstrich lebendige Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Gisela Elbracht-Iglhaut<br \/>\nStellvertretende Direktorin<br \/>\nKunstmuseum Solingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension von Gisela Elbracht-Iglhaut, stellvertretende Direktorin, Kunstmuseum Solingen, September 2013 Susanne M\u00fcller-K\u00f6lmel beobachtet und erforscht ihre direkte Umgebung und h\u00e4usliche Lebenswelt mit Pinsel und Farbe. 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